"Ich bin besessen von der Idee, dass die Menschen in
Madagaskar mit Hilfe der Sonnenenergie kochen und
somit die letzten Wälder vor dem weiteren Abholzen
schützen können", bringt Pfarrer Günter Hekler,
Mitbegründer und Vorsitzender des
deutsch-madagassischen Vereins Esslingen, das
jahrelange Engagement auf der viertgrössten Insel der
Welt auf den Punkt.
Die Eheleute Ingeborg und Günter Hekler, die Ende
Januar 2004 wiederkommen werden, waren in der
Vergangenheit mehrfach einige Monate vor Ort, um
Vertreter von Ministerien, Botschaften, Lions- und
Rotary-Clubs etc. für dieses Thema zu erwärmen. In der
Lehrwerkstatt für inzwischen über 100 Jugendliche aus
ärmlichen Verhältnissen des deutschen Vereins und der
madagassischen Partnerorganisation "Soltec" in der
Hauptstadt Antananarivo werden Solaröfen, -kocher,
-trockner und auch Warmwasserbereiter hergestellt.
Das Soltec-Team geht bei der Vermarktung mehrere Wege:
So werden nach entsprechenden Demonstrationen
Gespräche mit kleinen genossenschaftlichen Spar- und
Darlehenskassen geführt, die jenen Mitgliedern einen
Kredit gewähren, die einen Solarkocher erwerben
möchten. Dieser kann in Raten abbezahlt werden, da die
neuen Besitzer auf Dauer das Geld für Holzkohle
einsparen. In Dörfern, in denen zum Beispiel mit hohem
Energieaufwand viel Maniok gekocht wird, wurden gleich
mehrere Kocher aufgestellt, mit denen sehr gute
Erfahrungen gemacht werden. Hekler und sein Team haben
zudem verstärkt Sozialeinrichtungen wie Kinder-,
Alten-, Behindertenheime oder auch Krankenhäuser, die
von Spendengeldern leben, dank edler Geldgeber und
Paten aus Deutschland mit Solarkochern ausgestattet.
Sonne ist in vielen Teilen der Tropeninsel nahezu im
Überflusss vorhanden, so dass der Etat für Brennholz
dank der Solarkocher nun sinnvoller eingesetzt werden
kann. Ein Parabolspiegel mit reflektierenem Blech
bündelt die Sonnenstrahlen auf dem Boden eines Topfes
oder einer Pfanne. So entsteht schnell eine enorme
Hitze, mit der sich Kochen, Backen, Braten oder
Frittieren lässt.
Der 72-jährige Pfarrer Hekler (Mail:
ghekler@t-online.de), der rund 25 Jahre auf drei
verschiedenen Pfarrstellen in Esslingen tätig war, ist
Initiator und Motor des von ihm 1988 ins Leben
gerufenen, rund 330 Mitglieder zählenden Vereins. Wenn
es darum geht, Einnahmen für die Lehrwerkstatt in
Antananarivo zu erzielen, dann ist der Seelsorger, der
im Kreis Heilbronn geboren wurde und in Tübingen und
Göttingen studiert hat, sehr erfinderisch. So
verzichtete er an seinem 70. Geburtstag auf
persönliche Geschenke und bat statt dessen die rund
240 Gäste um einen Obolus für das Hilfsprojekt: Ein
satter fünfstelliger Betrag kam zusammen!
In den vergangenen Jahren hat der rührige Verein mit
Mitgliedern in ganz Deutschland und in Übersee gut
75000 Euro in Grundstückskauf und Bau von Gebäuden für
das Zentrum im Stadtteil Mandrosoa investiert. Allein
im Jahre 2000 konnten stolze 49000 Euro erwirtschaftet
werden. Die Ausbildung der jungen Menschen, die ohne
Soltec keine Chancen auf dem örtlichen Ausbildungs-
oder Arbeitsmarkt hätten, verschlingt jährlich etwa
30000 Euro. Die Auszubildenden, die von weit her
täglich in die Einrichtung kommen, erhalten hier auch
eine warme Mahlzeit, einige, die keine Familie mehr
haben, können in einem Trakt über der Metallwerkstatt,
die aufgestockt wurde, wohnen. "Sie sind mit viel
Eifer, Interesse und Fleiss bei der Arbeit," lobt
Hekler vor Ort. "Die Jugendlichen haben erkannt, dass
sie dank der grosszügigen Hilfe vieler Menschen aus
dem fernen Deutschland eine Chance erhalten, die die
ansonsten ungewisse Zukunft für sie etwas rosiger
aussehen lässt." Hekler: "Bis jetzt hat jeder, der bei
uns war, auch eine Arbeitsstelle gefunden." Wer einen
eigenen kleinen Handwerksbetrieb gründet, erhält eine
Starthilfe in Form von Werkzeug. Es werden aber auch
Einnahmen durch den Verkauf bestickter Hemden, Blusen
oder Tischdecken aus der eigenen Werkstatt erzielt.
Holz- und Metallbereich, Hauswirtschaft, Nähen und
Schneidern sind die Schwerpunkte bei "Soltec".
Kürzlich wurde ein Koch eingestellt, der den
Auszubildenden nicht nur mit Hilfe der Sonne das
Mittagessen zubereitet und sie in seine Kunst
einweist, sondern auch - gegen Entgelt - Kurse für
Haushaltshilfen reicher Madagassen oder im Land
lebender Ausländer leitet. Somit trägt er selbst zur
Finanzierung seines Arbeitsplatzes und zur Erweiterung
des Angebotes des Zentrums bei.
Die ersten Kontakte von Esslingen nach Madagaskar
wurden bereits 1985 geknüpft. Der Schwiegersohn der
Eheleute Hekler, Thomas, hatte damals einen
Madagassen, der beim Weltrat der Kirchen in der
Schweiz ökumenische Theologie studierte, zu einem
Gemeindenachmittag nach Esslingen eingeladen. Der Gast
berichtete insbesondere von dem Elend der vielen
Sozialwaisen in seiner Heimat. "Betteln, stehlen oder
verhungern" seien oft die einzigen Alternativen für
junge Menschen aus Waisenhäusern oder zerrütteten
Familien gewesen, weiss Hekler. Zunächst wurden Näh-
und Schreibmaschinen geschickt. Bereits im Herbst 1987
konnte im Stadtteil Talatamaty eine 120 Quadratmeter
grosse Werkstatt für Holz und Metall eingerichtet
werden. Ein deutscher Entwicklungshelfer hat die
Leitung nach drei Jahren in die Hände ausgebildeter
Madagassen übergeben. Dank der steten Unterstützung
auch durch das deutsche Zentralkomitee des
Weltgebetstages der Frauen, dessen Liturgie 1998 aus
Madagaskar kam, konnte dann 1996 am jetzigen Standort
ein Neubau in Betrieb genommen werden.
Etliche Mitglieder des Esslinger Vereins waren
inzwischen vor Ort, um dort mit Rat und Tat praktisch
zu helfen. Auf dem evangelischen Kirchentag Anfang der
90er Jahre in München entdeckte Pfarrer Hekler im
Hofbereich des Messegeländes erstmals einen
Solarkocher und für ihn stand damals sofort fest: "Den
müssen wir nachbauen!" Gesagt, getan... Die Anleitung
hierfür gab es von Diplom-Ingenieur Dr. Seifert von
der Berufsschule in Altötting, der den "SK 14"
entwickelt hat. Gut 500 Geräte haben inzwischen die
Werkstatt in Madagaskar verlassen. Klar, dass auch bei
Heklers in Esslingen, sofern das Wetter mitspielt,
Solarenergie genutzt wird: "Milchreis nach eigenem
Rezept wird mit Hilfe der Sonne gekocht."
Aus Deutschland wird lediglich das eloxierte
Aluminiumblech für die Reflektoren fertig
zugeschnitten importiert, alle anderen Teile
(Flacheisen, Schrauben, Telefondraht etc.) gibt es in
Madagaskar. Die Herstellungskosten betragen pro Kocher
120 Euro, dies entspricht etwa 850000 Franc Malagasy.
Erzielt werden kann eine Leistung von 600 Watt, die
Sonnenkraft schafft eine Erhitzung auf bis zu 400 bis
600 Grad Celsius. Ein Liter Wasser kocht in etwa 20
Minuten, ein Kilo Reis ist nach 45 Minuten
servierfähig, ein Kilo Huhn benötigt eineinhalb
Stunden Garzeit, Fleisch bis zu zwei Stunden,
gebratener Fisch kann bereits nach 20 bis 45 Minuten
auf den Tisch, ein Omelett nach drei bis fünf Minuten.
In der Hauptstadt, weiss der madagassische
Zentrumsleiter Jocelyn, kann der Kocher an knapp 300
Tagen im Jahr eingesetzt werden. Noch besser sei die
Auslastung natürlich im heissen Südwesten und im
Westen oder auch im hohen Norden der Sonneninsel. Die
deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit,
die etliche Umweltprojekte im Land betreut, gehört
ebenfalls zu den Abnehmern der etwa 1,50 Meter hohen
Solarkocher SK 14.
Für die Madagassen wirkt der auf den ersten Blick hohe
Anschaffungspreis zunächst abschreckend. Doch bereits
nach einem Jahr, so die Kosten-Nutzungs-Rechnung, habe
er sich amortisiert, betont Jocelyn. Holzkohle ist in
der Hauptstadt, auch wegen der langen Transportwege,
inzwischen sehr teuer. Trotz der Möglichkeit der
Ratenzahlung ist noch kein Durchbruch beim Absatz
gelungen. Etwa 30 Geräte werden pro Monat von sieben
Soltec-Mitarbeitern hergestellt. Gerade wurde ein
neuer Fuss entwickelt, so dass das Gesamtgewicht von
27 auf 25 Kilogramm gesenkt werden konnte. Zudem ist
die Ausrichtung des 1,40 Meter breiten Parabolspiegels
nach dem Sonnenstand jetzt einfacher zu handhaben. Der
von der Gruppe Ulog mit Ingenieur Öhler in Basel
entwickelte Sonnenofen ergänzt das Angebot bei Soltec,
ferner gibt es den Solartrockner zum Trocknen von
Früchten und einen Warmwasserbereiter, allesamt
ebenfalls noch keine Verkaufsrenner. Viel
Informationsarbeit ist noch erforderlich, bis sich
diese umweltfreundliche Technologie durchsetzt.
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