"Aiza Ra-Louisa no mipetraka?" - "Wo wohnt Louisa?"
Diese Frage kann in der Edelsteinmetropole Antsirabe
im Hochland der vor der Südostküste Afrikas gelegenen
Tropeninsel Madagaskar fast jedes Kind ohne langes
Nachdenken beantworten. Die 64-Jährige ist weit über
die Grenzen hinaus im ganzen Land bekannt - als Hexe,
Zauberin, Wunderheilerin, Hellseherin, Wahrsagerin
oder Medizinfrau, je nachdem, wie weit die sehr
ausgeprägte Fantasie der hier lebenden Menschen
reicht, die schon bei ihr in Behandlung waren oder
zumindest von ihr gehört haben.
Ein Schweizer Gastronom, der jährlich mehrere Monate
die Insel per Motorrad erkundet, kann da schon
genauere Angaben machen. An schwerem Durchfall
leidend, suchte er Marie-Louise Razafindranoro, so ihr
bürgerlicher Name, auf, liess sich untersuchen,
erhielt neben grobkörnigem Salz auch etwas Heilwasser
und - so berichtet er stolz - "nach wenigen Tagen war
wieder alles okay". Besonders erstaunt und beeindruckt
habe ihn, dass Louisa beim Abtasten eine Störung im
Bereich seines Herzens festgestellt hat, unter der er
leide und von der sie nichts wissen konnte.
Die Neugier ist geweckt, und so geht es per
"Pousse-Pousse", einer Art Rikscha, zum etwas abseits
gelegenen Backstein-Häuschen der so genannten "Hexe"
im Stadtteil Mahafaly. Auf Holzbänkchen warten etliche
Patienten und die sie begleitenden Angehörigen. Alle
Generationen sind vertreten, es herrscht fast eine
heilige Stille. Die Tagespolitik wird leise
diskutiert, oder Wehwehchen werden ausgetauscht. Dann
ist es soweit: Ein Patient verlässt mit vielen
Dankesbekundungen den maximal zwei Quadratmeter
grossen Raum. Nur durch die geöffnete Holztüre fällt
Tageslicht. An der Stirnseite sitzt Ra-Louisa, den
typisch madagassischen Schal um die Schultern
geschlungen, erwartet mit klaren, aufmerksam hin und
her huschenden Augen den nächsten Besucher. Der nimmt
auf einem Stuhl direkt vor ihr Platz und klagt
flüsternd der freundlichen Alten sein Leid. Neben ihr
steht eine kleine Marienstatue aus Gips, wie sie in
vielen Familien zu finden ist. An der gekalkten
Wand hängen Kalender verschiedener Jahrgänge eines
örtlichen Grossisten. Das Papstporträt ist leicht
verrutscht. In der rechten Ecke türmen sich leere
Plastikflaschen, Tüten mit getrockneten Blättern und
weiteren undefinierbaren pflanzlichen Teilen.
Gegenüber steht ein Kanister mit einer leicht
rötlichen Flüssigkeit und einem Trichter zum Abfüllen.
"Mpitsabo", berichtet ein Patient, sei im Volksmund
die genaue "Berufsbezeichnung" für Marie-Louise
Razafindranoro, die seit 1979 in Antsirabe wirkt.
Eine Frau hat ihre drei Kinder mitgebracht. Hery, der
18 Monate junge Benjamin, hat Atemprobleme, seine
Geschwister leiden unter einer Art Migräne, die häufig
bei Kindern anzutreffen ist. Mit ihren kräftigen
Fingern tastet Louisa die Körperpartien ab. Sobald sie
den Schmerzpunkt gefunden hat, beginnen die Massagen
mit kreisförmigen Bewegungen oder sanftem Druck der
Fingerkuppen. Schliesslich gibt es noch etwas
Heilwasser ("Tambavy") mit genauen
Dosierungsanweisungen und ein gelbliches Pulver mit
Bestandteilen von fünf verschiedenen Pflanzen. Den
Preis für die Behandlung können die Patienten gemäss
ihrem Einkommen selbst bestimmen. Die meisten geben
zwei- oder dreitausend Franc Malagasy (weniger als ein
Euro).
"Ich habe natürlich etwas mehr gegeben, schliesslich
gelte ich als reicher Europäer und wollte nach dem
Weggehen nicht noch mit einem Fluch belastet werden,"
sagt der Schweizer Gastronom Titus nach der Rückkehr
schmunzelnd. Der Besuch bei Louisa habe ihn jedoch
derart beeindruckt, dass er sich genauestens an ihren
Rat gehalten hat. "Sie hat überhaupt nichts Böses oder
Unangenehmes an sich."
Louisa sieht ihre Tätigkeit als besondere, von Gott
gegebene Gabe an. Medizinleute geniessen in ihrem Land
einen ausgezeichneten Ruf. Sie verfügen über
Pflanzenkenntnisse und Heilmethoden bei Krankheiten,
die der Schulmedizin und den Pharmalaboren manchmal
noch unbekannt sind. "Mit drei Jahren", erzählt
Ra-Louisa mit ihrer angenehm samtenen Stimme, habe sie
das kranke Knie ihres Onkels mehr spielerisch
massiert, anschliessend sei dieser aufgestanden und
habe keinerlei Schmerzen mehr verspürt. Ihre
Grossmutter, die damals ebenfalls als Medizinfrau
tätig war, erkannte das Talent des Mädchens und
erwies sich im Laufe der Jahre als wertvolle
Lehrmeisterin. "Sie hat meine Hände betrachtet und
festgestellt, dass diese heilen können."
Louisa hat kein Medizinstudium oder etwas Ähnliches
absolviert, sondern der riesigen natürlichen Apotheke
in ihrer Heimat all das entnommen, was hilft und
Leiden lindert. Sie ist sehr religiös, besucht am
Sonntag, ihrem einzigen freien Tag, regelmässig die
Gottesdienste in einer katholischen Kirche. Zu ihrer
Kundschaft zählen Minister, Seelsorger, Ärzte oder
Kankenschwestern. "Von den Hospitälern bekomme ich
manchmal Patienten geschickt", sagt sie. Auch
Europäer, die in Madagaskar leben beziehungsweise auf
Durchreise sind und Madagassen, die zum Beispiel in
Paris leben und ihre Heimat besuchen, schätzen die
Kenntnisse und Fähigkeiten der 64-jährigen Heilerin.
Berührungsängste mit studierten Medizinern gibt es
überhaupt nicht. Bei schweren Erkrankungen empfiehlt
Ra-Louisa eine Visite im Hospital. Bei der Geburt
ihrer beiden Kinder war sie in stationärer Behandlung,
ansonsten kuriert sie Erkältungen oder andere
Krankheiten aber selbst.
Besonders häufig sind Verstauchungen,
Durchfallerkrankungen oder Asthma, für die pflanzliche
Medikamente ("fanafody") sofort zur Hand sind. Eine
junge Frau klagt über eine Art Blähung, und nachdem
bei der weiteren Befragung ausgeschlossen werden
konnte, dass sie schwanger ist, gab es auch hier nach
einer Massage ein in Zeitungspapier eingewickeltes
Pulver, das mit Wasser gekocht und getrunken werden
soll.
Fidel, ein 13-jähriger Junge aus der Nachbarschaft,
hatte nach dem Fussballspiel heftige Schmerzen im
Knie. "Mach etwas langsam und trink Heilwasser, drei
Löffel voll, zwei Mal am Tag", war Ra-Louisas guter
Rat beim herzlichen Abschied.
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