"Das zahlenmässige Verhältnis Krankenpfleger-Patienten
ist hier einfach traumhaft," schwärmt der 23-jährige
Medizinstudent Felix Wezel aus Ulm, der gerade von
einem einmonatigen studienbedingten Praktikum in einer
Privatklinik in der madagassischen Hauptstadt
Antananarivo zurückgekehrt ist. Ursache dieser
optimalen Konstellation ist die lange politische Krise
vom vergangenen Jahr, die zur Folge hat, dass sich nur
ganz wenige Menschen einen Krankenhausaufenthalt
finanziell leisten können. Die Zahl der Pfleger ist
jedoch stabil geblieben. Wezel: "Ich bin sehr herzlich
aufgenommen worden, habe mich sofort wohl gefühlt und
viel dazugelernt."
Bis zum zweiten Staatsexamen, das nach fünf
Studienjahren abgelegt wird, müssen die angehenden
Mediziner mehrere klinische Praktika, insgesamt vier
Monate, absolvieren. Der gebürtige Ulmer, der an der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg/Fakultät
Mannheim studiert, wollte - auch um die
Sprachkenntnisse zu verbessern - diesmal in ein
französischsprachiges Land. Nach mehreren Bewerbungen
in Frankreich blätterte er einen Reiseführer über
Madagaskar durch und fand darin die Mailadresse des
Vertrauensarztes der dortigen deutschen Botschaft, Dr.
med. Lala Arison, der in der Hauptstadt Antananarivo
eine Privatklinik mit rund 30 Betten leitet und in
Deutschland die Facharztausbildung absolviert hat.
Felix Wezel nahm Kontakt auf und erhielt - in
perfektem Deutsch - auch sofort eine Zusage von dem
Chirurgen. "In Deutschland ist man als Student leider
zum Zuschauen verdammt," bedauert der Praktikant. "In
Madagaskar zum Beispiel kann man mehr an Patienten
arbeiten, bekommt mehr Vertrauen geschenkt und hat
auch mehr Verantwortung." Den insgesamt sechswöchigen
Aufenthalt in der Heimat von Pfeffer und Vanille hat
sich der junge Mann, der nachts im St.
Marien-Krankenhaus in Ludwigshafen jobt, selbst
finanziert. Felix Wezel beherrscht neben Englisch und
Französisch auch Spanisch, gute Voraussetzungen also,
um später einmal im Ausland zu arbeiten. Das
Berufsziel, Arzt zu werden, habe sich während des
Zivildienstes in Ulm gefestigt, bekennt der Student.
Sein nächstes Praktikum möchte er in Südamerika
leisten, welchen Kontinent er bei einer Tour nach
Bolivien bereits kurz kennenlernen konnte.
Wezel wurde in Ulm geboren, wuchs dort auf, bestand am
Kepler-Gymnasium das Abitur, leistete in Ulm in der
zur von-Keppler-Stiftung gehörenden katholischen
Sozialstation den elfmonatigen Zivildienst im Bereich
der ambulanten Pflege, bevor das Medizinstudium in
Heidelberg aufgenommen wurde. In seiner Geburtsstadt
spielte der junge Mann über viele Jahre beim SV Arnegg
Tennis, ferner früher beim SC Lehr Fuss- und beim SSV
Ulm Volleyball. Das Snowboardfahren im Bereich des
Allgäus wird seit fast zehn Jahren - unfallfrei -
ausgeübt.
Nach der Rückkehr aus dem fernen Madagaskar startet
Wezel jetzt ins siebte von insgesamt mindestens 13
Semestern. "Die Erfahrungen, die ich gerade in einem
Land der so genannten Dritten Welt gemacht habe,
möchte ich nicht missen," betont der Wahl-Mannheimer,
der vom ersten Tag an in den Arbeitsablauf aktiv
einbezogen wurde. Meist war er in der Notaufnahme
anzutreffen: Patienten mit Knochenbrüchen,
Parasitenerkankungen, Malaria, aber auch mit
Herzinfarkt oder Schlaganfall wurden zum Teil mit
einem aus Deutschland stammenden Rettungswagen
eingeliefert. Das Fahrzeug war übrigens vor Jahren der
allererste private madagassische Krankenwagen. Das
fortgeschrittene Alter sieht man dem Oldtimer optisch
an, der jedoch weiter treu wertvolle Dienste leistet,
wenn auch die Zahl der Reparaturen deutlich zugenommen
hat. Die meisten Geräte der Klinik stammen ebenfalls
aus Deutschland, neben der ursprünglichen Beschreibung
wurde jene in französischer Sprache zusätzlich
angebracht.
Während des einmonatigen Praktikums wurde von dem
einheimischen Ärzteteam unter anderem auch ein
Amerikaner behandelt, der nach einem Herzinfarkt,
verbunden mit einem leichten Schlaganfall, dann nach
Südafrika evakuiert wurde. Bei einem weiteren
US-Bürger musste ein komplizierter Arm-Trümmerbruch
operiert werden. Felix Wezel sprach als einziger
Englisch und konnte somit die Verständigung zwischen
den dankbaren Patienten und den madagassischen Ärzten
herstellen. Zwei Deutschen, die beim Badeurlaub in
Seeigel getreten waren, wurde ebenfalls schnelle Hilfe
zuteil.
Erstaunen löste bei dem Studenten das Gehalt der
Mediziner im fernen Madagaskar aus, die nur etwa
900000 Franc Malagasy (rund 130 Euro) im Monat
verdienen und damit bei weitem nicht zur besser
verdienenden Schicht in ihrem Land gehören. Felix
Wezel konnte im rund um die Uhr geöffneten Hospital
wohnen und wurde dort auch verpflegt. Die letzten
beiden Wochen wurden genutzt, um auf eigene Faust per
Buschtaxi einen kleinen Teil der Rieseninsel zu
erkunden. Vorher gab es jedoch zum Abschied noch ein
Picknick mit den Kollegen, die den jungen Deutschen
sofort ins Herz geschlossen und ihm in ihrer Freizeit
auch Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung gezeigt
hatten.
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