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"Geheimratsecken" bei Strassenkinderprojekt



Berliner Waldorfschüler Nepomuk Wahl absolviert seit Juli "Anderen Dienst im Ausland" im fernen Madagaskar





Von Klaus Heimer, Antananarivo

"Geheimratsecken, Gänsefüsschen, Kniekehle, Ellenbogen
oder auch das Wort "ehrenamtlich" sind auf einer
schlichten Tafel im Aufenthaltsraum eines Gebäudes im
Stadtteil Tsiadana nahe der Universität in der
madagassischen Hauptstadt Antananarivo in
Kreideschrift zu lesen. Hier betreut und finanziert
der Berliner Verein "Zaza Faly" (bedeutet "Zufriedenes
Kind") seit einigen Jahren ein Projekt für
Strassenkinder.

Der 20-jährige Berliner Nepomuk Wahl aus dem Stadtteil
Charlottenburg leistet hier seit Juli diesen Jahres
anstelle des Zivildienstes den einjährigen "Anderen
Dienst im Ausland". Die knapp 20 Mitarbeiter der
nichtstaatlichen Wohltätigkeitseinrichtung "Manda" (=
schützende Burg) bringen ihm nach Feierabend
Kenntnisse in der Landessprache Malagasy bei und im
Gegenzug erweist sich der junge Mann als guter
Deutschlehrer. Insbesondere Fidy, einer der
einheimischen Pädagogen, interessiert sich sehr für
die eher ausgefallenen Wörter der ihm schon
vertrauten deutschen Sprache.

"Der Wunsch, auf der immer noch geheimnisumwitterten
Gewürzinsel Madagaskar helfend tätig zu werden,
entstand bereits während meiner Zeit in der
Waldorfschule "Märkisches Viertel" in Berlin, wo ich
im Jahre 2002 das Abitur gemacht habe", bekennt
Nepomuk Wahl. Drei Jahre lange arbeitete er dort in
der Schülerfirma "Steinbrücke" von Lehrer Michael
Benner aktiv mit, die einen schwunghaften
Mineralienhandel betreibt und den Jahreserlös stets
teilweise der Arbeit von "Zaza Faly" zur Verfügung
stellt. Die Neunt- bis Zwölftklässler erwirtschaften
immerhin rund 5000 Euro im Jahr, eine stattliche
Summe, die unter anderem den Ärmsten der Armen auf den
Strassen in Madagaskars Metropole Antananarivo zugute
kommt.

In der Sozialstation von "Manda" werden von Montag bis
Freitag rund 80 Mädchen und Jungen betreut, die
entweder keine Familien mehr haben, ausgesetzt wurden
und immer aus ärmlichsten Verhältnissen stammen und
nun sehen müssen, wie sie den täglichen Kampf ums
Überleben bewältigen. Montags, mittwochs und freitags
kommen Jungen, dienstags und donnerstags Mädchen,
wobei die Zahl der Schützlinge, die meist viele
Kilometer zu Fuss zu "Manda" zurücklegen, oft
schwankt. Sie erhalten Seife, können sich und ihre
Kleidung waschen, werden medizinisch betreut und
erhalten Mahlzeiten. Eine Vorschule sowie
weiterführende Klassen sind angegliedert. In zwei
weiteren Häusern in der unmittelbaren Nachbarschaft
mit den Namen "Vony" und "Felana" werden ehemalige
Strassenkinder zu Schreinern/Tischlern oder im Weben,
Nähen und Schneidern ausgebildet. Ihnen erteilt
Nepomuk ebenfalls gerne Sprachunterricht. "Manda"
hilft den Abgängern auch bei der Suche eines
Arbeitsplatzes oder der Gründung einer eigenen kleinen
Werkstatt.

Für Nepomuk Wahl war es nicht nur entfernungsmässig
ein weiter und auch langer Weg, bis er die Arbeit auf
der vor der Südostküste Afrikas im Indischen Ozean
gelegenen viertgrössten Insel der Welt aufnehmen
konnte. "Fast zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen
vom ersten Telefonat bis zum Abflug." Zunächst nahm er
Kontakt zum "Zaza Faly"-Vorsitzenden Heiko Jungnitz
(Mail: Hjungnitz@aol.com) auf. Danach mussten vom
Verein Grundsatzentscheidungen getroffen und etliche
Anträge auf den Weg gebracht werden, bis die
Einrichtung von deutscher und madagassischer Seite die
Anerkennung als Träger für den "Anderen Dienst im
Ausland" erhielt. Nun kann sie erstmals einen
Ersatzdienstleistenden einsetzen. Nepomuk: "Es ist für
mich interessant, in dem Projekt praktisch zu
arbeiten, das ich über mehrere Jahre in Deutschland
gefördert habe." Und die derzeitigen Waldorfschüler
profitieren natürlich von den vielfältigen Eindrücken
des "Ehemaligen". Nepomuk Wahl schickt regelmässig
Erfahrungsberichte in die Heimat, Bilder sollen
folgen. Die Berliner haben somit einen direkten Zugang
und wissen nun noch besser, für was ihr Geld konkret
verwendet wird.

Der 20-jährige Wahl hofft, dass sich während des
einjährigen Dienstes "auch mein Berufswunsch
entwickelt". Er will "auf jeden Fall" studieren,
"etwas im sozialen Bereich oder auch Ökonomie mit
sozialem Aspekt". Prägend für seinen Einsatz in einem
Land der so genannten Dritten Welt sei die Arbeit in
der Schülerfirma und auch das zweite Projekt "Missing
Link" von Waldorflehrer Michael Benner gewesen, in dem
das Problem der Zwangsarbeiterentschädigung
aufgearbeitet wurde. 11000 Mark kamen hierfür
zusammen. Diesen Betrag wollten die jungen Leute der
deutschen Wirtschaft als zinslosen Kredit zur
Verfügung stellen, damit ein Teil der Entschädigung
sofort hätte gezahlt werden können. Letztlich ging das
Geld an den deutsch-ukrainischen Verein Kontakte e.V.,
der das Geld der Waldorfschule an ehemalige
Zwangsarbeiter der Ukraine weiterleitete.

In der Sozialstation "Tsiry" wird Nepomuk vornehmlich
im Vorschulunterricht eingesetzt, wobei das Alter der
Schützlinge, je nach Wissensstand, zwischen vier und
18 Jahren liegen kann. Hier vermittelt er mit der
Lehrerin und der deutschen Praktikantin Pamela Klöpf
aus Leutkirch Grundlagen im Lesen, Schreiben und
Rechnen, die helfen sollen, den Übergang in die untere
Schulklasse zu schaffen. Am Nachmittag organisiert er
für die Kleinen Freizeitaktivitäten mit
Bewegungsspielen, Gesang, Farbspielen, kleinen
Olympiaden oder Basteleien.

Nepomuk wohnt auch im Zentrum. "Mein Ticket hat die
Oma bezahlt, Impf- und Visakosten wurden von "Zaza
Faly" übernommen. Ich erhalte einen kleinen
Essenskostenzuschuss, aber ansonsten wird der Dienst
unentgeltlich geleistet. Er ist für mich zwar
finanziell ein totales Zuschussgeschäft, aber das ist
es mir wert. Die Erfahrungen sind einfach unbezahlbar.
Einen besseren oder sinnvolleren Zivildienst kann ich
mir nicht vorstellen."

Obwohl ihm erste Brocken in der Landessprache Malagasy
schon nach kurzer Zeit gut über die Lippen kommen, ist
der Berliner, der dank seiner früheren Schule über
gute Französischkenntnisse verfügt, noch nicht
zufrieden. "Ich will noch mehr und intensiver lernen,
damit es zu einem besseren Austausch kommt." Von 8 bis
10 Uhr früh sind Büroarbeit und die Vorbereitung des
Tages angesagt. Nepomuk: "Die Arbeit mit
Strassenkindern ist sehr anstrengend und erfordert
Fingerspitzengefühl. Sie sind sehr unruhig, haben
Konzentrationsprobleme und sind es nicht gewohnt,
erzogen zu werden. Deswegen widersetzen sie sich
manchmal vehement allem, was man ihnen beibringen
möchte. Oft bin ich dann am Abend fix und fertig und
gehe früh schlafen. Aber die Müdigkeit ist ein schönes
Gefühl, wenn man weiss, dass sich die Mühe gelohnt hat."

An den Wochenenden will Nepomuk Wahl, der die
Wartezeit nach dem Abitur mit Einsätzen auf mehreren
Bio-Bauernhöfen in England und Frankreich überbrückt
hat, die nähere Umgebung erkunden, sportlichen
Betätigungen nachgehen, sich mit gleichaltrigen
Madagassen und hier lebenden Ausländern treffen oder
Musikfestivals besuchen. "Die beiden freien Tage
braucht man auch dringend, um sich zu erholen." Der
junge Mann mit vielseitigen Interessen und Hobbies
leitet auch noch Sport-, Tanz- und Theaterprojekte für
die beiden Auszubildendengruppen von "Manda". Darüber
hinaus will er in den nächsten Wochen kleine
Broschüren, Anzeigentexte und Handzettel für
Madagaskarbesucher und Hotels entwerfen, damit die
Produkte aus den eigenen Werkstätten bekannter werden
und sich besser verkaufen. Publicity halt. Die
Einnahmen aus dem Shop fliessen dann direkt wieder in
die Betreuung der Kinder.

Nepomuk ist übrigens der zweite ehemalige
Waldorfschüler, der für "Zaza Faly" tätig ist. Im
April 2002 absolvierte Ruth Terren aus dem belgischen
St. Vith, die an der Freien Waldorfschule Trier das
Abitur bestanden hat, ein halbjähriges Praktikum in
Madagaskar. Der Berliner wirbt auch für den "Anderen
Dienst im Ausland": "Ich kann nur jedem
Zivildienstleistenden empfehlen, sich für eine solche
Stelle zu bewerben. Dieses Jahr kann so aufregend,
spannend und manchmal auch stressig sein, wie
vielleicht kein anderes. Und selbst wenn die Kosten
höher sind, reicher wird man jeden Tag: An
unbezahlbarer Erfahrung."

Hier noch das deutsche Sonderkonto von "Zaza Faly" für
die Arbeit im Dienste der madagassischen Kinder: Bank
für Sozialwirtschaft, Nummer 3380200, Bankleitzahl
10020500, Kennwort "Strassenkinder". Die
E-Mail-Adresse der ONG Manda: ongmanda@dts.mg



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