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"Jetzt huschen wir noch über die Baumwipfel..."

Flugerlebnis mit dem Buschpiloten Jakob Adolf in
Madagaskar / Kürzeste Landebahn im Bereich des
Indischen Ozeans

Von Klaus Heimer, Antananarivo

"Jetzt huschen wir noch über die Baumwipfel vor uns,
dann setzen wir auf der mit knapp 410 Metern wohl
kürzesten Landebahn im Bereich des Indischen Ozeans
auf. Es wird etwas rucken, denn ich muss voll in die
Bremsen steigen. Halte Dich also gut fest."
Seelenruhig kündigt der Hertener Buschpilot Jakob
Adolf (33) seinem deutschen Begleiter im engen Cockpit
das bevorstehende Spektakel mitten in der Wildnis an.
Doch es geht, wie bisher immer, alles gut. Die kleine
Maschine, die unter Normalbedingungen maximal zehn
Personen befördern kann, hat diesmal 320 Kilogramm
Medikamente für das staatliche Krankenhaus in
Marolambo, 155 Kilometer östlich der madagassischen
Hauptstadt Antananarivo, geladen. "Mehr ist bei dieser
Piste auf dem Bergkamm einfach nicht möglich. Wir
haben hier per Schubkarre und mit Spaten über 8000
Kubikmeter Lehm bewegt, um sie anzulegen."

Von einem umsichtigen Dorfbewohner werden insbesondere
in der Regenzeit täglich Wasserrinnen und Löcher
aufgefüllt. Sicherheit ist oberstes Gebot, denn bis
zum nächsten Buschtaxi sind es für die hier lebenden
Menschen immerhin drei Tagesmärsche. Die Bevölkerung
im weiten Umkreis weiss die Leistung der Piloten der
Missionsfluggesellschaft MAF zu schätzen, die eine
schnelle Verbindung zur Aussenwelt herstellen. Hier
scheint das Leben still zu stehen, das Ende der Welt
erreicht: Die katholische Gemeinde verfügt über den
einzigen Traktor mit Anhänger, der jedoch nicht
regelmässig die strapaziöse Route Richtung
Nationalstrasse fährt. Da bleibt nur der Luftweg, um
Schulmaterial, Medikamente oder auch Patienten und
gesunde Passagiere zu befördern.

"Ich bin eigentlich immer in Bereitschaft", erzählt
Jakob Adolf während des 25-minütigen Hinfluges,
während er die Armaturen und das
Satellitennavigationssystem nicht aus den Augen lässt.
Bis zu 200 Mal im Jahr werde diese Enklave
angesteuert. Ausser Adolf fliegt niemand die aus der
Luft und ganz besonders aus der Nähe abenteuerlich
aussehende Landebahn an. "Wenn wir nicht kommen, gibt
es auch keine Post." Der 33-jährige Familienvater ist
beileibe kein Draufgänger oder Tausendsassa. Erfahrung
und Können sowie ein zuverlässiger, bestens gewarteter
fliegender Untersatz stellen eine gute Einheit dar.
Unsanfte Landungen sind Mensch und Maschine in Afrika
gewöhnt.

Auch diesmal erwartet den sympathischen Piloten wieder
ein stattliches Empfangskomitee. In Sekundenschnelle
wird die Maschine entladen. Kofferkulis, wie in der
eigentlich recht nahen und doch so fernen Hauptstadt,
gibt es natürlich keine. Die Kartons werden auf
Schultern, per Schubkarre und in einem Einbaum
befördert. Ein Fluss trennt Landezone und Stadt.
Überall wo Jakob auftaucht, wird er herzlich begrüsst.
Seinen Wunsch, einige besonders hochgewachsene
Nadelbäume im Bereich der Einflugschneise zu fällen,
kommt der junge Bürgermeister noch am selben Tag nach.
Von der sonst im Land eher ausgeprägten Bürokratie
keine Spur - welch ein Paradies!

Im Tower des Flughafens Ivato in Antananarivo kennt
man die Maschine 5R-MKC und Jakob Adolf natürlich
bestens, der seit sechs Jahren auf der Gewürzinsel
tätig ist. Vorbei an der stattlichen Flotte von Air
Madagascar, dem Präsidentenjet und der für alle
Ewigkeiten auf den Boden verdammten antiken Flotte der
flügellahmen einheimischen Luftwaffe steigt das weisse
Flugzeug mit dem weltweiten Symbol von "Missionary
Aviation Fellowship" gen Himmel. Schnell ist die
Reiseflughöhe von 9000 Fuss erreicht, ein Aufzug in
einem Hochhaus könnte es nicht sanfter
bewerkstelligen. Die Fluggeschwindigkeit liegt bei 350
Stundenkilometer.

In luftiger Höhe wird dann schnell das ganze Dilemma
der "blutenden Insel" sichtbar. Nur an der Ostküste
ist noch zusammenhängender Regenwald vorhanden. Doch
von beiden Seiten knabbert die Bevölkerung vehement an
dem natürlichen Schatz des einst dicht bewaldeten
Eilandes. "Die Situation ist dramatisch", betont Jakob
Adolf. Die Wanderfeldbauern mit Brandrodungen und
Holzkohleproduzenten nähern sich immer schneller den
Gipfeln der Bergkette. Die Erosion hinterlässt nach
Regenfällen "blutige" Spuren. Die rote Erde wird
weggeschwemmt, übrig bleibt nackter Fels. Lediglich
einige Cumuluswolken muss der aus Neapel/Italien
stammende Flieger an diesem Morgen durchstossen. "Wir
haben Glück, der Himmel über Marolambo ist frei, das
kommt nur ganz selten vor." Kaum ein Lüftchen regt
sich, das Thermometer steigt von 21 (Hauptstadt) auf
stattliche 38 Grad Celsius. "Bei Rückenwind brauchen
wir stets die gesamte Bahn. Die ist unser Schätzchen",
wird schmunzelnd angemerkt, während sich die Erde
rasend schnell nähert.

Beim kurzen Spaziergang durch das Städtchen, in dem
Sommerhitze und hohe Luftfeuchtigkeit schnelle
Bewegungen verbieten, sinniert Jakob Adolf über seine
Einsätze in Uganda. Dort wurden vor allem
Flüchtlingslager mit Hilfsgütern aller Art versorgt.
"Kurze Zeit später wurden diese überfallen, alles war
vergebens." Dies sei in Madagaskar anders. "Auf dem
doch recht lange Weg von der Landebahn zum Krankenhaus
verschwindet keine einzige Tablette, keine Spritze..."
Die Menschen seien hier grundehrlich. "Sie wissen,
dass es ohne uns kaum Hilfe gibt."

Die Fluggkosten seien relativ gering, wenn man die
Alternativen bedenke. Daher nimmt der Deutsche auch
das enge Cockpit gelassen hin. Adolf hofft, dass
niemand auf die Idee kommt, eine Strasse durch den
Regenwald zu bauen, zur Ostküste wäre sinnvoller. In
Marolambo ist ein Funkgerät installiert, um den
Wetterbericht abrufen oder Hilfe anfordern zu können.
"Wir müssen immer zusehen, dass wir landen, nachdem
sich der Morgennebel gelichtet hat und bevor der Wind
kommt." Früher wurden die Medikamente auf der Strasse
(angesichts des katastrophalen Zustandes der Piste
müsste dieser Begriff eigentlich neu definiert werden)
befördert. Regen und Hitze sorgten für Verluste, die
nun ausgeschlossen seien.

Jeweils vor dem ersten Flug am Tag wird im Cockpit
gebetet. "Du hast doch nicht dagegen?", wird der
Passagier gefragt, bevor der Flieger auf die
Luxusstartbahn der Hauptstadt rollt. Gerne würde
Adolf, Mitglied der Hertener Hoffnungskirche, in der
Nähe von Marolambo noch eine weitere Landebahn bauen,
um den im Tiefland lebenden Madagassen die
Gewaltmärsche zu ersparen, "aber man kommt dort
einfach nicht hin. Wir müssten mit einem Hubschrauber
rein."




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