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Fahre Madagaskar: Ein Feuerwehrauto erzählt

Über Belgien kam das Fahrzeug aus Tiefenbronn auf die
viertgrösste Insel der Welt / Jetzt Sammeltaxi

Von Klaus Heimer, Antananarivo

"Was hatte ich, ein schneidiger, rot-weisser Ford 130,
doch früher bei der Tiefenbronner Feuerwehr ein
herrliches Leben: Ich wurde regelmässig auf Hochglanz
poliert und mein Innenleben wurde in überschaubaren
Abständen auf Herz und Nieren überprüft. Es hat mir
eigentlich an nichts gefehlt. Über eine zu starke
Beanspruchung brauchte ich mich auch nie zu beklagen.
Hin und wieder ging es mit den Feuerwehrleuten zu
Übungen, Einsätzen oder auch zu Veranstaltungen, die
der Kameradschaftspflege dienen. Doch inzwischen ist
alles anders...

In meiner neuen Heimat Madagaskar geht man nicht so
pfleglich mit mir um, ich bekomme kaum eine Ruhepause
gegönnt. Auf die viertgrösste Insel der Welt bin ich
von Deutschland via Belgien per Schiff gelangt. Auf
dem grossen Gebrauchtwagenmarkt in der Hauptstadt
Antananarivo wurde ich dann vor etwa sechs Jahren von
Taxifahrer Tobison Tsimatoky für rund 30 Millionen
Franc Malagasy (etwa 4300 Euro) gekauft. Wie viele
ausrangierte deutsche Rettungswagen oder auch Brummis
vom Technischen Hilfswerk wurde ich dann ebenfalls für
den Transport von Fahrgästen umgebaut und
hergerichtet.

Aus mehreren Fahrzeugtypen sind Sitzreihen im
Bodenblech verankert worden, so dass heute in mir -
den Fahrer eingeschlossen - 19 Personen einigermassen
Platz finden. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass
sich 20, 22 oder noch mehr Leute hineinzwängen.
Insbesondere am Morgen oder nach Feierabend, wenn
Antananarivo einem Ameisenhaufen gleicht, wird es sehr
eng. Für 1000 Franc Malagasy (etwa 15 Cent) kann man
sich die knapp zehn Kilometer lange Strecke vom
Ausgangspunkt im Zentrum, hier Analakely genannt, bis
zu den beiden Stadtteilen Anosipatrana und Anosizato
kutschieren lassen. Unterwegs gibt es etliche
Haltestellen. Meine Linie, die ich täglich zwischen
acht- und zehn Mal zurücklege, hat übrigens die Nummer
138. Bergauf komme ich manchmal ganz schön ins
Schnaufen, man merkt mir doch mein Alter an. Nicht
selten muss ich auch angeschoben werden. Mein Besitzer
kann mir keinen Ruhetag gönnen, regelmässige
Inspektionen, wie in meiner Kinder- und Jugendzeit in
Deutschland, sind hier ein Fremdwort. Der Fahrer muss
sich im harten Taxi-Wettbewerb durchsetzen und kann
sich keine Pause leisten. Ein Liter Sprit kostet hier
gut einen halben Euro, das ist vergleichsweise viel
Geld für ihn.

Seit einigen Monaten befördere ich auch viele
Journalisten von und zur Arbeit. Diese arbeiten im
Medienzentrum des Staatspräsidenten in Anosipatrana.
Wer dann noch einen Stadtteil mit mir weiterfährt, der
will meist zur Taxi-Brousse-Station
(Überlandfahrzeuge) Richtung Süden. Bei Anosizato
fahren die Sammeltaxis in die Edelsteinmetropole
Antsirabe, knapp 170 Kilometer von der Hauptstadt
gelegen, oder auch in den Westteil der Insel. Für mich
endet hier die Fahrt und es geht mit neuen Passagieren
zurück zum Ausgangspunkt in der City und dann wieder
von vorne los.

Viele Dellen und Beulen deuten darauf hin, dass es
hier im dichten Verkehrsgewühl oftmals sehr rauh
zugeht. Auch Rost setzt mir insbesondere nach der
Regenperiode mächtig zu. Ich könnte heulen, wenn ich
mich im Spiegel betrachte und an meine schöne
Jugendzeit zurückdenke. Die Aufschrift "Feuerwehr
Tiefenbronn" an den Türen und ein Aufkleber mit den
Rettungsnotrufen für "Stadt Pforzheim und den
Enzkreis" sowie das immer noch intakte Radio mit dem
blauen Punkt, das den ganzen Tag über dudelt, weisen
auf mein deutsches Vorleben hin. Das linke Bremslicht
und auch die Rücklichter fehlen. Hier fährt man
sowieso mehr nach Gehör! Hauptsache die Hupe bleibt
noch intakt. Mein Tacho hat bei 71314 Kilometern den
Geist aufgegeben. Ich weiss nicht, wie oft ich die
100000 schon erreicht habe.

Ich möchte es nicht versäumen, von hier aus, also über
7000 Kilometer entfernt, meine früheren Besitzer
herzlich zu grüssen. Trotz der vielen kleinen Mängel
und des harten Arbeitslebens geht es mir für
afikanische Verhältnisse noch einigermassen gut und
ich hoffe, dass ich noch lange weiterfahren kann - bis
mich eines Tages doch das sichere Schicksal aller
Autos ereilt und meine Einzelteile dann beim
Schrotthandel landen werden."

Nachforschungen haben ergeben, dass der madagassische
Ford von 1974 bis 1996 Dienst bei der Freiwilligen
Feuerwehr Lehningen tat und dort deren Wandel zur
Teilortswehr von Tiefenbronn erlebt hat. Als
Tragkraftspritzenfahrzeug war der Wagen mit sechs Mann
Besatzung und einer Ausrüstung von tragbarer Spritze,
Schläuchen und Atemschutzmasken im Einsatz und diente
als Ergänzung zum Tanklöschzug TLF-8. Der
Schwester-Löschzug des Tiefenbronner Ford fährt heute
übrigens auf der griechischen Insel Samos. Der
Mühlhausener Kommandant Norman Gall vermittelte den
Verkauf des heutigen afrikanischen Ford 130 an einen
Mühlhausener, der eine Gärtnerei in Madagaskar
betrieb.

Feuerwehrauto


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