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Ein Dorf macht Schule - Schule macht Dorf

Elsässer Pater Claude Fritz betreut im Hochland von
Madagaskar ein Schulbildungsprogramm für Kinder armer
Familien

Von Klaus Heimer, Antananarivo

"Jetzt zeige ich Ihnen unser Paradies!" Die Einladung
von Pater Claude Fritz aus der Provinzhauptstadt
Fianarantsoa im Herzen der vor der Südostküste Afrikas
gelegenen Tropeninsel Madagaskar klingt
vielversprechend und steigert die Neugierde. Der
63-jährige Elsässer, der das Schulbildungsprogramm für
Kinder armer Familien mit dem Namen "Vozama" leitet,
freut sich stets riesig über Besucher, die sich für
die Arbeit der Einrichtung "Retten wir die
madagassischen Kinder" interessieren.

Von der Stadt mit ihren 16 Kongregationen geht es
zunächst rund 2O Kilometer zurück Richtung Hauptstadt,
bevor das Allradfahrzeug zeigen kann, was in ihm
steckt. Über Stock und Stein führt der Weg in ein
fruchtbares Tal, vorbei an einem steinernen Wächter
zum Zentrum des 1996 gegründeten Programmes, das mit
seinen Lehrinhalten bei der realen Lebenssituation der
Kinder ansetzt und auch die Eltern in hohem Masse in
die Gestaltung und Durchführung einbezieht.

Über 550 Standorte in einem Radius von 150 Kilometern
wurden bereits eingerichtet, gemäß dem Motto "Ein Dorf
macht Schule". Unterwegs macht Pater Claude kurz in
mehreren kleinen Ortschaften Halt, um zu überprüfen,
ob die Lehrer dort auch tatsächlich unterrichten. Das
ist dringend notwendig, weiss der Ordensmann. In einem
von vier Fällen soll er an diesem Tag Recht behalten:
Die elf Kinder sind zwar in der Klasse, einem
ehemaligen Reiskeller, der von dem Dorf hergerichtet
wurde, versammelt, doch von der Lehrerin zunächst
keine Spur. Claude Fritz überprüft bis zu ihrem
Eintreffen die Hefte der Mädchen und Jungen und auch
die Protokolle der Lehrerin und muss feststellen, dass
alle Unterlagen Lücken aufweisen. Ein Schulinspektor,
der für den Bezirk zuständig ist, wird schon in
wenigen Tagen wiederkommen und, sollte sich der
Zustand nicht gebessert haben, gemeinsam mit dem
Elternkomitee einen neuen Pädagogen suchen.

"Vozama"-Gründer André Boltz, ein elsässischer
Jesuitenpater in dem 150 Kilometer entfernten
Ambositra, hat die segensreiche Arbeit mit lediglich
einer halben Chauffeurs- und einer halben
Sekretärinnenstelle aufgenommen und innerhalb eines
knappen Jahres rund 100 Schulposten in der
unzugänglichen Region um das Holzschnitzerzentrum
Ambositra geschaffen. 1998 wurde die Arbeit dann auf
die Nachbardiözese Fianarantsoa ausgeweitet. "Glaube,
Liebe und ein offenes Herz reichen nicht aus, um
Großes zu leisten," haben Boltz und Claude Fritz
schnell erkannt. Ständig sind sie auf der Suche nach
weiteren Förderern: Das kirchliche Hilfswerk Misereor
hat seit 1998 genau 218.484 Euro für die Finanzierung
der Projektarbeit, die ein Volumen von immerhin 150000
Euro pro Jahr hat, bereitgestellt. Für 2003 und 2004
werden insgesamt 106.000 Euro gezahlt.

Der Landrover hält schließlich im Vakoa-Valley, einer
blühenden Oase auf einem Hügel. Weithin sichtbar die
Gebäude des Schulungszentrums, in dem regelmäßig Feste
für Kinder und Eltern der Umgebung und - an 21 Tagen
im Monat - Fortbildungen für die pädagogischen
Mitarbeiter stattfinden. Hier wurde auch vor Jahren
die allererste Baumpflanzaktion durchgeführt. Die
zarten Pflänzchen haben sich bereits zu stattlichen,
mehrere Meter hohen Bäumen entwickelt. Über 13000
Eukalyptusbäume, 1400 Obstbäume und über 24000 Ananas
wurden bereits der fruchtbaren Erde zu gutem Wachstum
anvertraut. In Fischweihern tummeln sich stattliche
Karpfen und bald können auch Weintrauben der Rebsorte
"Clos Fritz" geerntet und gekeltert werden. Die
Kinder, die die Schulen besuchen, werden angehalten,
jedes Jahr eine Pflanze aus der eigenen Baumschule zu
setzen und zu pflegen, um der Erosion Einhalt zu
gebieten und ihnen die Notwendigkeit der steten
Aufforstung vor Augen zu führen.

"An jedem Schulstandort wurde ein Elternkomitee
gegründet," erläutert Pater Fritz, das auch
Verbesserungen im direkten Umfeld des Dorfes in
Angriff nehmen soll. "Seit meinem letzten Besuch hat
sich hier nichts Positives getan," spornt er die
Verantwortlichen in einem Weiler an, an der
Weiterentwicklung zu arbeiten. "Das nächste Mal sehen
Sie wieder etwas Neues," versprechen die Bewohner, die
dann auch innerhalb kurzer Zeit einen kleinen Garten
angelegt und Bananen angepflanzt haben.

Das riesige Einzugsgebiet von "Vozama" wurde in 21
Sektoren unterteilt, ebenfalls mit Komitees, bestehend
aus Elternvertretern und Repräsentanten von Schulen,
Kirchen und Zivilgemeinden. "Heute kann man sagen,
Schule macht Dorf," zieht der Elsässer, der die
Landessprache Malagasy perfekt beherrscht, zufrieden
Bilanz. "Unsere Schulen sind zum Zentrum des
Dorflebens geworden. Wir ersetzen nicht die Schule,
sondern führen zu ihr hin. Die Menschen haben großes
Vertrauen in uns, das ist unsere Stärke bei der
Weiterentwicklung, die nicht stehen bleiben darf. Wir
haben ganz klein und langsam begonnen, doch inzwischen
verbreitet sich die Idee von Vozama immer weiter. Eile
mit Weile," wird schmunzelnd angemerkt. Über die
Kinder komme man an die Erwachsenen heran, die
inzwischen gemerkt hätten, dass es keine Entwicklung
ohne Bildung gebe. Der Pater vom Orden der Brüder der
christlichen Lehre wehrt sich dagegen, Almosen zu
verteilen. "Die Menschen hier sind stolz, keine
Bettler." Die Kinder erhalten bei der Einschulung eine
kleine Tafel mit Kreide und ein Heft von Vozama. Diese
Dinge hüten sie wie ihren Augapfel. Monatlich müssen
500 Franc Malagasy (Centbetrag) oder Reis mitgebracht
werden, bei Festen in erster Linie Brennholz. Die
Projekthelfer stellen Geld für den Kauf von Holz
bereit, doch die Schulmöbel müssen von den einzelnen
Standorten selbst gezimmert werden.

In einer weiteren Dorfschule sieht Pater Claude die
Hefte ein, während der Inspektor die Kinder befragt
und ermittelt, ob sie den Lehrstoff auch beherrschen.
Xavier, ein junger Mann, zeichnet sich durch viel
Einfühlungsvermögen und eine geschickte pädagogische
Hand aus. Claude Fritz spart nicht mit Lob für den
renovierten Klassenraum in einem der typischen
Hochlandhäuser aus gebrannten roten Backsteinen. Gerne
singen die Kinder zur Begrüßung die Vozama-eigene
Hymne, in der sie eine Revolution gegen das
Analphabetentum ankündigen und selbstbewusst betonen,
das "wir die Misere nicht akzeptieren."
Auch wenn die jungen Schützlinge, die vier Mal pro
Woche jeweils drei Stunden den Unterricht besuchen,
die beiden Jahre bei "Vozama" absolviert und die
Befähigung erreicht haben, auf eine staatliche oder
auch private Schule zu wechseln, werden sie nicht
alleine gelassen. "Wir fragen ständig nach, was aus
unseren Kindern geworden ist, um nachhaken zu können,
warum das eine oder andere nach einiger Zeit nicht
mehr den Unterricht besucht."

Pater Claude leistet ein gewaltiges Pensum: Über 700
MitarbeiterInnen müssen betreut, die monatlichen
Bildungstage organisiert werden. Mit über 200
Regelschulen wird eng zusammengearbeitet, die 35
Inspektoren müssen eingewiesen und - meist nach
Feierabend - Förderanträge formuliert werden. "Das
alles nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, aber wir
müssen sehen, das es vorwärts geht. Wir dürfen nicht
stehen bleiben..."

"Wenn wir Misereor nicht hätten......." Der Satz
bleibt unvollendet. Dankbar wird von Pater Claude das
Engagement dieser katholischen Hilfsorganisation
gewürdigt, "die uns von Anfang an unterstützt hat.
Misereor weis auch, dass wir ein zuverlässiger
Projektpartner sind." Das "Paradies" von "Vozama"
wurde übrigens von "Terre des hommes" (Erde der
Menschlichkeit) aus dem Elsass finanziert. Pater
Claude, seit nunmehr 38 Jahren in Madagaskar, hofft,
das Projekt in naher Zukunft in einheimische Hände
übergeben zu können. Er fasst seine Arbeit auf der
viertgrössten Insel der Welt so zusammen: "Wir
arbeiten zur Ehre Gottes und die Ehre Gottes ist der
Mensch. Das verstehen die Menschen hier."



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