Von Ravensburg über Friedach und Berlin ins immer noch
geheimnisumwitterte Madagaskar - diesen grossen
geografischen Sprung hat die 31-jährige
Diplom-Agraringenieurin Ute Nuber aus Ravensburg
geschafft, die derzeit auf der viertgrößten Insel der
Welt wertvolle berufliche Erfahrungen sammelt.
"Eigentlich hat unsere Familie keinen direkten Bezug
zur Landwirtschaft," erzählt die junge Frau an ihrem
Wirkungsort Ambatolampy (bedeutet "Stadt der Felsen"),
68 Kilometer südlich der Hauptstadt Antananarivo. "Ich
glaube, meine Eltern hätten es eher verstanden, wenn
ich Kunst oder etwas ähnliches studiert hätte..."
Eigentlich hat alles "ganz normal" begonnen: Ute
verbrachte als Jüngste von vier Kindern in ihrer
Geburtsstadt Kindheit und Jugendzeit und bestand am
Welfen-Gymnasium das Abitur. Über einen
Internationalen Jugendaustauschdienst kam sie direkt
nach dem Schulabschluss erstmals drei Monate mit
Afrika, genauer mit Ghana, und der Entwicklungspolitik
in Berührung. Es folgten nach der Rückkehr vier Monate
Fliessbandarbeit bei "Ravensburger Spiele" und ein
dreimonatiger Trip durch Indien. In dieser Zeit reifte
der Wunsch weiter, Agrarwissenschaften zu studieren.
Nach der Landung aus Asien im heimischen Deutschland
ging es erst wieder ans Fliessband, bevor bei
Biolandbauer Josef Baumann in Friedach bei Grünkraut
bei einem halbjährigen Praktikum, das für das Studium
erforderlich ist, die Berufsfindung weiter reifte.
"Dort war ich für die Kälberpflege und handwerkliche
Arbeiten zuständig."
Im Oktober 1994 schließlich nahm Ute Nuber an der
Berliner Humboldt-Universität ihr Studium auf, wobei
im Hauptteil der Schwerpunkt auf internationale
Agrarwissenschaften mit Handelspolitik,
Produktionssystemen der Weltlandwirtschaft oder auch
Ressourcen in den Tropen und Subtropen gelegt wurde.
Im Rahmen eines tropenökologischen Begleitprogrammes,
das angewandte Forschung unterstützt, flog Ute Nuber
Ende 2000 erstmals für fünf Monate nach Madagaskar, um
in einem von dem Schweizer Forstingenieur Guido Besmer
(53) geleiteten Langzeitprojekt der Deutschen
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in
Ambatolampy ihre Diplomarbeit in Angriff zu nehmen.
Thema war "Das Finanzierungspotential von Kleinbauern
für ländliche Beratung an einem Beispiel im Hochland
von Madagaskar". Diese wurde im Sommer 2002
fertiggestellt. "Davor hatte ich eine Auszeit genommen
und eine Zeitlang in einem Berliner Gärtnereibetrieb
gearbeitet."
Seit Dezember 2002 nun sammelt die weitgereiste
Ravensburgerin erneut in dem GTZ-Projekt in
Ambatolampy, das sich seit 1989 zum Ziel gesetzt hat,
den sensiblen, 1500 Hektar großen Bergnebelwald von
Manjakatompo zu schützen, weitere praktische
Kenntnisse auf dem Weg zu ihrem Ziel, Projektleiterin
in der Entwicklungszusammenarbeit zu werden. Zu ihren
Aufgaben gehört es, Teilbereiche des Projektes, wie
die Nachfolgestrukturen "Bauernsekretariat" und
"Forstunion", zu evaluieren und das Personal zu
beraten. Bei der Forstunion handelt es sich um die
Nutzergemeinschaft der Anrainerbevölkerung, welche die
Naturwälder gemeinschaftlich bewirtschaftet. Früher
wurde der Wald durch den Staat bewirtschaftet, im Zuge
der neuen Forstpolitik des Landes sollen die
Nutzungsrechte jedoch auf die Bevölkerung übergehen.
Bei wöchentlichen Besprechungen wird die Arbeit des
Bauernsekretariates festgelegt, das Gemeindepläne
erstellt, von der Bevölkerung gewünschte
Fortbildungsprogramme anbietet, Informationen zum
Ressurcenschutz bereithält, Anbaumethoden erläutert
und über die Förderung von Kleinprojekten berät.
"In der ersten Zeit bin ich überall mitgegangen. Ich
durfte mir alles anschauen und werde in erster Linie
als zukünftige Arbeitskraft ausgebildet." Ute Nuber
kümmert sich auch um einheimische Diplomanten, wobei
das Schulfranzösisch dank der täglichen Praxis
deutlich verbessert werden konnte. Auch erste Brocken
in der Landessprache Malagasy kommen ihr leicht über
die Lippen. "Ich bin eher ein Mathematiktyp,
sprachlich unbegabt. Aber ich habe keine Hemmungen und
rede mit. Damit bekomme ich dann Übung."
Die Agraringenieurin sieht ihr künftiges
Tätigkeitsfeld nicht auf Deutschland beschränkt. Ganz
aktuell hat sie sich für Assistentenstellen im Benin
und in Indonesien beworben. Ein Projektleiter sei mit
dem Manager eines Unternehmens vergleichbar, der neben
Teamgeist auch Planungsfähigkeit oder die Erstellung
von Finanzierungsprogrammen drauf haben müsse. Sie sei
beileibe kein Helfer- oder Aussteigertyp.
"Projektleiter ist für mich ein hochinteressanter
Job," bekennt Ute Nuber.
"Eigentlich reizt mich ein orientalisches Land mit
seiner Musik, Architektur und Kultur weit mehr als
Afrika." Die vielseitige junge Frau sieht dort auch
eine Marktlücke für sich und ihre Fähigkeiten. Ein
Abenteurer, der in die gefährlichsten Ecken der Welt
gehen würde, sei sie nicht. "Das möchte ich auch
meinen Eltern nicht antun."
In Ambatolampy, wo das GTZ-Projekt beheimatet ist,
bekomme sie neben der Tagesarbeit hin und wieder
"kreative Anfälle". Da wird geschnitzt, genäht und
gestrickt oder - wie aktuell - zwei Pappmachefiguen
werden restauriert. Rakoto und Delphine, so deren
Namen, stellen ein madagassisches Bauernehepaar dar,
das auf Seminaren und bei Animationen in die
pädagogische Vermittlung von Kenntnissen eingebunden
wird. Durch den Transport haben beide in den
vergangenen Jahren gelitten. Ute Nuber hat sich ihrer
angenommen und sorgt wieder für ein ansehnliches Äußeres.
"Ich tue was für meine Zukunft", betont die
selbstbewusste Frau, die jede Möglichkeit nutzt, sich
weiterzubilden und praktische Erfahrungen zu sammeln.
Ihre Auslandstouren und das Studium hat sie sich
selbst finanziert, durch Arbeit am Fliessband, bei
Forst- und Gartenbauunternehmen oder im
Telefonmarketing. Ute ist froh, dass ihre Eltern sie
zur Selbstständigkeit erzogen haben. "Das kommt mir
überall auf der Welt zugute."
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